Von den Lebenden, den Toten und den lebenden Toten

21. August 2019 von Natalie Winter


Gibt es etwas Schlimmeres als den Tod?

Als Menschen mit all unseren Sehnsüchten haben wir Schwierigkeiten, uns das Ende des Lebens vorzustellen, insbesondere unseres eigenen Lebens. Die Angst vor dem Tod beruht vor allem darauf, dass wir nicht wissen, was genau uns erwartet und ob das, was wir »Seele« nennen, wirklich weiter existieren wird.

Und doch gibt es einige Dinge, die noch wesentlich schlimmer sind als der Tod und die mich als Autorin besonders interessieren, während ich als Mensch darauf verzichten kann. Die Vorstellung, eine lebende Tote zu sein, entflammt meine Fantasie, gerade weil ich sie als extrem grausam empfinde. Zu verrotten, während ich mir dessen bewusst bin, unendlichen Hunger auf menschliches Fleisch zu verspüren und niemals genug Willenskraft zu besitzen, darauf zu verzichten … danke, aber nein danke.

Aber was genau haben Zombies eigentlich mit Voodoo zu tun? In meinem neuen paranormalen Krimi »Voodoo Nights« wie auch in der vorher erschienenen Kurzgeschichte »Im Schatten der Sümpfe« spielen beide eine wichtige Rolle.

Per Definition ist ein Zombie ein Toter, der zum Leben erweckt und seines eigenen Willens beraubt wurde. Er besitzt keine Seele mehr, nachdem der Bokor (die Bezeichnung für einen Schwarzmagier im Voodoo) oder die Mambo (die Voodoo-Priesterin) ihn aus dem Grab zurückgeholt haben.

Um einen Leichnam zu erwecken, gibt es in der Popkultur ebenso viele Methoden, wie es Gründe gibt, und die meisten Wege zur Erschaffung eines lebenden Toten beinhalten heutzutage keine Magie mehr. Im Voodoo spricht die Priesterin oder der Bokor einen Fluch aus, der die betroffene Person einen Scheintod sterben lässt, bevor er, seines Charakters und seines Willens beraubt, aus dem Grab hervorgeholt wird. Für Feinarbeiten sind diese lebenden Toten nicht zu gebrauchen, aber das stört in diesem Fall wohl auch nicht. Neben den Versuchen, die Existenz von Zombies wissenschaftlich durch Nervengifte wie Atropin zu erklären, sind in aktuellen Filmen und Büchern diverse Gründe für die willenlosen wandelnden Leichname im Umlauf: von der nuklearen Katastrophe über die geheimnisvolle Seuche bis hin zu wissenschaftlichen und gründlich schiefgelaufenen Experimenten (gut, Letzteres ist eine Frage des Standpunktes).

Eine Zeit lang galten Zombies in der Buchwelt sogar als die »neuen Vampire«, was sich als reines post-bella-und-edwardianisches Wunschdenken herausgestellt hat. Mal ehrlich, an einem verrottenden Körper ist nichts verführerisch, und an einem Bad Boy, der beim ersten Date Gefahr läuft, das eine oder andere Körperteil zu verlieren, erst recht nicht.

Nein, was mich an Zombies so fasziniert, sind nicht ihre Handlanger-Qualitäten, sondern es ist die Qual, die sie trotz ihrer Seelenlosigkeit empfinden müssen, wenn sie zurück in die Existenz gestoßen werden. Zum Befehlsempfänger degradiert und von nagendem Hunger getrieben, müssen sie tun, was man ihnen sagt. Auch wenn sie keine Schuldgefühle mehr empfinden, stelle ich es mir dennoch unerträglich vor, keinen eigenen Willen mehr zu besitzen.In »Voodoo Nights« gibt es keine Einblicke in die Psyche eines Zombies und keine Experimente in die Undead-romance-Richtung. Aber sie spielen eine wichtige Nebenrolle, und am Ende … aber das müssen Sie selbst lesen.

Viel Vergnügen beim Lesen wünsche ich!

Über die Autorin

Natalie Winter. Worte und ihre Wirkung haben Natalie Winter schon immer fasziniert. Sie verschlingt Bücher, seit sie lesen kann, und war lange Zeit als Buchhändlerin tätig. Sie lebt mit Mann und Hund an der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein. Wenn sie nicht schreibt oder liest, ist sie mit dem Hund unterwegs oder backt Kuchen.