Claire O’Callaghan – Das andere Gesicht der Emily Brontë

Juni 2020 von Kathrin Lange



Meine erste Begegnung mit Emily Brontë muss ich ungefähr im Alter von 16 oder 17 Jahren gehabt haben. Es war die Zeit, in der ich selbst Geschichten voller Fantasie spann, die in ausgedachten, tolkien’schen Welten spielten, und die ich in akribisch selbst gestalteten Heften und mit Schönschrift niederschrieb.

Umso mehr faszinierte mich die Erkenntnis, dass drei Schwestern in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Yorkshire so etwas Ähnliches auch schon getan hatten. Die Geschichten um die erfundenen Reiche Angria und Gondal, die Charlotte, Emily und Anne Brontë zusammen mit ihrem Bruder Branwell in stunden-, ja gar nächtelangen Schreibsessions erfanden und in Miniaturbüchlein niederschrieben, begeisterten mich.Einige Jahre später dann, als ich begann, mich für die frühe Frauenbewegung und Autorinnen wie George Eliot und George Sand zu interessieren, begegneten mir die Schwestern erneut. Auch sie hatten sich, um mit ihrem Schreiben ernst genommen zu werden, männliche Pseudonyme zulegen müssen.Jane Eyre, Agnes Grey, das waren zunächst die Figuren, mit denen ich Tage und Nächte verbrachte, und dann – irgendwann – kam „Sturmhöhe“, „The Wuthering Heights“, diese irritierend rohe, verstörende Geschichte über die obsessive Liebe eines Mannes zu einer Frau, voller sprachlicher Wucht und Gewalt. Ich war zugleich abgestoßen von der Erzählung selbst und ihren Protagonisten und angezogen von der Art, wie hier geschrieben wurde. Vermutlich war es meine allererste Begegnung mit einem unzuverlässigen Erzähler, der ja mittlerweile so überaus modern geworden ist (genaugenommen sind es in dem Buch ja sogar gleich zwei ineinander verwobene).

Ich erinnere mich auch, dass ich Kate Bush rauf- und runterhörte, mich allerdings auch damals schon weigerte, Kleider zu tragen – schon gar keine roten!


Als ich kürzlich, mitten in der Arbeit an meinem nächsten All-Age-Roman erfuhr, dass im Dryas Verlag eine neue Biografie über die Autorin von „Sturmhöhe“ erscheinen und ich diese vorab zu lesen bekommen sollte, freute ich mich dementsprechend.Claire O’Callaghans Einordnung der verschiedenen Quellen, aus denen sich unser Bild von Emily Brontë zusammensetzt, und ihr Versuch, die Autorin aus der Warte des 21. Jahrhunderts zu betrachten, haben mir dann auch eine überaus vergnügliche Wochenendlektüre beschert. Zum einen lässt O’Callaghan, ganz im Gegensatz zu so vielen anderen Biografien über Emily, die Autorin in einer Fülle von Gedichten und Textfragmenten selbst zu Wort kommen. Und zum anderen ist es immer schmerzlich, einen Roman abzuschließen und die Figuren sozusagen ins Leben zu entlassen. Diesmal durfte ich danach noch einmal zu all den Dingen zurückkehren, die ich beim gefühlt endlosen Ringen mit meinem eigenen Text so sehr ins Herz geschlossen habe: das wilde, neblige Moor rund um Haworth. Die alten Herrenhäuser, die Vorbild waren für das in meinem Roman vorkommende, fiktive High Moor Grange. Die in einem roten Kleid über das Moor spukende Catherine. Den „schwarzen Unhold“ Heathcliff. Die innige, fast zwillingshafte Verbundenheit zwischen Emily Brontë und ihrer jüngeren Schwester Anne. Den selbstzerstörerischen Branwell, Maler und Autor, der möglicherweise wie Heathcliff an einer unerfüllten Liebe zerbrach. Und nicht zuletzt die überbordende Fantasie, die aus den Geschichten ständig sozusagen „fabelmächtig“ hinaus in das reale Leben ragten, z.B. wenn Emily und ihre Schwestern Vergnügen daran hatten, auf einer Zugfahrt nach York vorzugeben, Gefangene in den Palästen ihrer erfundenen Welt zu sein.Alles in allem war es mir also eine großes Freude, Emily noch einmal ganz neu kennenlernen zu dürfen, und das, nachdem ich mir erlaubt habe, ihr in meinem eigenen Roman eine winzige, wenn auch nicht unwesentliche Rolle zu geben.Und noch einen schönen Nebeneffekt hatte die Lektüre: Claire O’Callahan hat mich zu einem Re-Read der Geschwister Brontë inspiriert. Sie wird das auch mit all ihren anderen Leserinnen und Lesern tun, da bin ich sicher.

Alles in allem war es mir also eine großes Freude, Emily noch einmal ganz neu kennenlernen zu dürfen, und das, nachdem ich mir erlaubt habe, ihr in meinem eigenen Roman eine winzige, wenn auch nicht unwesentliche Rolle zu geben.Und noch einen schönen Nebeneffekt hatte die Lektüre: Claire O’Callahan hat mich zu einem Re-Read der Geschwister Brontë inspiriert. Sie wird das auch mit all ihren anderen Leserinnen und Lesern tun, da bin ich sicher.

Zu Kathrin Lange

Kathrin Lange lässt in ihren All Age-Romanen oft Figuren oder Werke der Weltliteratur auftauchen, wie Daphne du Mauriers „Rebecca“ in ihrer „Herz aus Glas“-Trilogie oder Abelard und Héloise in „Die Fabelmacht-Chroniken“, für das sie 2018 den 1. Sächsischen Buchsommer Leserpreis bekam. Ihr neuester Roman „Wenn die Nebel flüstern, erwacht mein Herz“, in dem Emily und Branwell Brontë eine nicht unwesentliche Rolle spielen, wird am 13. Oktober im Arena Verlag erscheinen.

Über die Autorin

Dr. Claire O'Callaghan ist Dozentin für Englisch an der School of Arts,

English and Drama an der Loughborough University. Ihr Fokus liegt auf

viktorianischer und neoviktorianischer Literatur, Geschichte und Kultur.

Sie publiziert Veröffentlichungen über das Leben und Werk der Brontës