Der Long Walk in Windsor

März 2021 von Trudy Cos


Windsor ist eine Kleinstadt in Berkshire, sozusagen vor den Toren Londons, bekannt durch das Windsor Castle, dem Lieblingswochenendsitz der Königin. Das Städtchen und das Castle sind eigene Blogartikel wert, daher werde ich hier nicht weiter darauf eingehen.

Vielmehr möchte ich heute das Augenmerk auf den Long Walk richten, der spätestens seit der Hochzeit von Prinz Harry & Meghan Markle im Mai 2019 vielen Menschen ein Begriff ist.

Doch was hat es auf sich mit dieser schnurgeraden Asphaltstraße, die vom Snow Hill aus wie ein Pfeil auf das imposante Schloss zielt?

Nun, da Windsor Castle für die Herrscher Englands immer von großer Bedeutung war, gehörten der Krone seit jeher ausgedehnte Ländereien um das Schloss herum. Besonders in südlicher Richtung erstreckt sich eine weitläufige Wiesen- und Waldlandschaft, die über Jahrhunderte zu den Jagdgründen der Royals gehörten. Jagen war ein beliebtes Vergnügen und so war es nur selbstverständlich, dass das ländliche Windsor immer im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.

1660 war Charles II nach einem Besuch in Frankreich inspiriert von dem neu entstehenden Versailles und den dazugehörigen Grünanlagen. Er stellte sich Ähnliches für Windsor Castle vor, und so wurde der »Grundstein« des Long Walks gelegt.

In heutiger Form handelt es sich um eine Allee, die sich wie ein Lineal zwischen dem Castle und dem Snow Hill erstreckt. Eingebettet in den Home- und später Great Park wurde eine Baumstraße von gigantischen Ausmaßen angelegt. Der Long Walk misst 4,8 Kilometer und ist 80 Meter breit.

Zunächst war es nur ein besserer Reitweg, doch einige Jahrzehnte später (im Jahr 1710) ließ Queen Anne alles neu gestalten und dafür sorgen, dass die imposante Anlage fortan für Kutschen befahrbar war und zu einem komfortablen Reiseweg wurde.

Auf der gesamten Länge wurden ursprünglich zweireihig 1.652 Ulmen gepflanzt, diese sind im Laufe der Zeit jedoch durch Kastanien und Platanen ersetzt worden. Auch ist der Walk heute durch die A308 unterbrochen, die als eine der Hauptstraßen nach Windsor hineinführt.


Allerdings tut diese dem Ganzen keinen Abbruch, denn die Erhabenheit der weitläufigen Anlage führt dazu, dass man die Straße lediglich kurz zur Kenntnis nimmt, wenn man sie überquert.

In Richtung Snow Hill läuft man auf eine riesige Bronze Statue zu, dem Copper Horse. Es wurde 1829 von George III in Auftrag gegeben. Pferd samt Reiter wachen über dem Hügel am Ende das Long Walks und bieten einen spektakulären Blick auf das Castle, bei gutem Wetter sogar auf die Skyline Londons – der Legende nach steht die Statue dort, wo Henry VIII saß, um auf die Nachricht über die Hinrichtung seiner Frau Anne Boleyn zu warten.

Auch heute noch wird der Long Walk von der Königin und ihrer Familie benutzt, wenn sie im Juni ganz traditionell in Kutschen zum Pferderennen nach Ascot fahren. Außerdem werden dort zum Geburtstag von Queen Elizabeth II jährlich 21 Salutschüsse abgefeuert.

Ansonsten handelt es sich um eine äußerst beliebte Flaniermeile, die tagein tagaus von Touristen und Einheimischen als Spazierweg oder Joggingstrecke genutzt wird. Fahrräder und Skater sind verboten, stattdessen trifft man viele Familien mit Kinderwagen und Hunden, die über die weitläufigen Wiesen unter den Bäumen tollen. Im Herbst und Winter, wenn Bäume und Sträucher ihr Laub verloren haben, kann man einen Blick auf Frogmore Cottage und andere Gebäude im privaten Teil des Parks erhaschen.

In den Wäldern und Auen in der Nähe des Snow Hills lebt eine große Herde von mehr als 500 Rehen und Hirschen, die regelmäßig den Weg in beide Richtungen überquert – ein Spektakel der ganz besonderen Art.

Hin und wieder sieht man auch heute noch Aufnahmen der Queen, die sie beim Reiten zeigen. Diese entstehen immer auf den Ländereien rechts und links des Long Walks, nicht selten in der Nähe des Rotwildes.

Ein ganz besonderer Moment auf dem Long Walk war jedoch ganz anderer Natur, als sich 2019 auf der Prachtallee 100.000 Fans und Fernsehteams aus der gesamten Welt dort versammelten, um einen Blick auf Prinz Harry und seine Frau nach der royalen Hochzeit zuerhaschen.

Niemals zuvor hatte eine derart große Menschenansammlung sich dort eingefunden, und noch Tage später waren gigantische Aufbauten der Fernsehsender zu sehen, die errichtet worden waren, um Bilder des großen Events um die Welt zu schicken.

Spätestens seit Fotos und Reportagen davon in allen Hochglanzmagazinen abgebildet waren, ist der Long Walk »berühmt«. Inzwischen ist es dort natürlich wieder ruhiger geworden – Gott sei Dank, denn nun kann man wieder ungestört die Poesie der großen Weg- und Parkanlage genießen.

Der Long Walk ist definitiv eine Reise wert – egal zu welcher Jahres- und Tageszeit – allerdings sollte man beachten, dass die Tore gleich hinter dem Schloss bei Sonnenuntergang geschlossen werden. Wer es bis dahin nicht geschafft hat, muss einen größeren Umweg in Kauf nehmen, wenn er im Two Brewers, dem urigsten und schönsten Pub am Beginn des Long Walk, noch ein Pint trinken möchte 😉

Über den Autor

Trudy Cos lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf, verbringt jedoch viel Zeit im beschaulichen Windsor in England. Die international tätige Unternehmerin schreibt Krimis und Fantasy-Geschichten, die an den unterschiedlichsten Orten der Welt spielen. Als Ausgleich zu einem asiatisch bestimmten Berufsalltag zieht es sie zu historischen Orten in Großbritannien, wo Windsor zu ihrer zweiten Heimat und Inspiration geworden ist.