Duftäpfel und Kindsmöderinnen

Februar 2020 von Sophie Oliver


Wohlriechendes und gar Grausiges gibt es in meinem neuen Roman „Der blaue Pomander“. Beginnen wir mit dem Schönen:

Wenn man heute von einem Pomander spricht, bezeichnet man damit meistens eine mit Nelken gespickte Orange. Manchmal auch Essenzen für die Aromatherapie. In alten Zeiten jedoch waren Pomander etwas viel Spektakuläreres. Bisamäpfel, Riechäpfel oder Moschuskugeln, wie ihre eingedeutschten Namen lauten.

Als kleine Behälter aus Gold und Silber, fein ziseliert, ausgestattet mit raffinierten Mechanismen zum Öffnen und Schließen, beinhalteten sie geheimnisvolle Duftmischungen. An einer Kette um den Hals getragen oder an einem Stab gehalten, sollten sie der Nase ihres Besitzers schmeicheln sowie ihn schützen und heilen.

Alte Ölgemälde zeigen uns vornehme Damen und Herren mit ihren Pomandern und bei Antiquitätenhändlern stehen sie bis heute hoch im Kurs.

Ich gestehe, ich selbst hätte auch gern einen. Seit Langem faszinieren sie mich. Wahrscheinlich habe ich mich deshalb für den dritten Fall meiner Gentlemen vom Sebastian Club von einem antiken Pomander inspirieren lassen.

Das Schmuckstück spielt eine wichtige Rolle im Roman, denn der berühmte Gelehrte Paracelsus höchstpersönlich soll ihn mit einer geheimnisvollen Duftmischung befüllt haben.Die Ermittler begeben sich wieder auf eine Reise. Dieses Mal nicht bis ans Ende der Welt, sondern ins winterliche Salzburg. Intensiver noch als bei den beiden vorherigen Bänden verbinde ich bei „Der blaue Pomander“ Historisches mit Fiktivem. So tauchen einige Persönlichkeiten auf, die es tatsächlich gegeben hat.

Gleich am Anfang trifft der Leser zum Beispiel auf Amelia Dyer, von der man ohne Übertreibung behaupten kann, dass sie Großbritanniens schlimmste Serienkillerin war. Wenngleich auch nicht die einzige.

Gerade im viktorianischen Zeitalter hatte Baby farming Hochkonjunktur. Vaterlose Kinder konnten gegen Entgelt bei Pflegemüttern untergebracht werden und fanden oftmals aus wirtschaftlichen Gründen einen raschen Tod.

Auf die Spitze getrieben hat das Baby farming Amelia Dyer, die unter verschiedenen Namen Kindern ein neues Zuhause versprach. Es wird geschätzt, dass sie über dreihundert ihrer Schutzbefohlenen ermordet hat.

Der blaue Pomander ist der bisher dunkelste und persönlichste Fall für die Gentlemen vom Sebastian Club. Die sich einmal mehr damit auseinandersetzen müssen, dass Reichtum und Elend unter Königin Viktoria nah beieinander lagen und das Böse keinen Unterschied zwischen den Gesellschaftsklassen machte.

Über die Autorin

Geboren und aufgewachsen in Bayern, verließ Sophie Oliver nach dem Abitur ihre Heimat, um zu studieren und die Welt zu erkunden. Sie lebte in Italien und England und durfte in verschiedenen Berufen Erfahrungen sammeln. Mittlerweile ist sie zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und wohnt mit Familie und Hund auf dem Land. Sophie liebt die bunte Vielfalt, Schräges genauso wie Schönes und vor allem »all things British«.