Rezension „Gegen die Spielregeln“

Mai 2020 von Emilia Endler


Die Geschichte

London im Jahr 1874: Auf einem großen Dampfschiff ereignet sich eine Explosion, die mehrere Menschen das Leben kostet. Hier kreuzen sich auch die Wege vom Schiffsingenieur Ryon, einem Amerikaner, dessen Vater unter den Opfern ist, und der Krankenschwester Alessa, deren Onkel bald der Hauptverdächtige der Polizei wird. Die beiden beginnen jeweils auf eigene Faust zu ermitteln. Steckt ein Konkurrent hinter dem Anschlag? Und wird es möglicherweise noch weitere geben?

Die Figuren

Es gibt mehrere Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird. Die Autorin schafft sehr lebendige, gut ausgearbeitete Charaktere, denen man leicht und gerne durch das viktorianische London folgt. Natürlich haben die Figuren auch Hintergrundgeschichten und Geheimnisse, die im Laufe der Geschichte aufgedeckt werden, sodass man immer wieder neue Seiten auch der Protagonisten entdeckt. Außerdem kommen viele historische Figuren vor, die teils nur erwähnt werden, teils direkt mit den fiktiven Figuren interagieren: Reale Schiffsingenieure und Reeder kreuzen den Weg der Protagonisten, aber auch Florence Nightingale und diverse Frauenrechtlerinnen spielen eine Rolle – sogar Königin Victoria selbst tritt auf.

Das viktorianische London

Die Geschichte entführt uns nicht nur an zahlreiche historische Schauplätze, sondern bietet den Lesern einen Einblick in die Themen und Probleme Englands in den 1870er Jahren. Besonders die Entwicklungen in der Schifffahrt werden thematisiert: Wir werden Zeuge der Begeisterung für große Schiffe und technische Innovationen, der immer besseren Vernetzung der Welt, aber auch des gefährlichen Konkurrenzdenkens der einzelnen großen Reedereien. Auch eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt die Stellung der Frau in der Gesellschaft. Durch Alessa lernen wir nicht nur ein Krankenhaus im neunzehnten Jahrhundert kennen, sondern erfahren auch vom Kampf vieler mutiger Frauen um eine Verbesserung ihrer Situation. Die Bezugnahme auf solche historischen Entwicklungen lassen die Geschichte sehr authentisch wirken.

Schreibstil

Durch die genauen Beschreibungen zieht die Autorin die Leser in die Geschichte hinein, sodass wir mit den Figuren zusammen die heißen Junitage und zwischendurch die stürmischen Regengüsse durchleiden. Die unterschiedlichen Perspektiven, die man in der Geschichte einnimmt, machen das Lesen abwechslungsreich. Außerdem werden die ernsthaften Ermittlungen immer wieder durch witzige Dialoge und auch durch ein bisschen Romantik aufgelockert.

Gesamteindruck

„Gegen die Spielregeln“ ist ein gelungener Krimi vor historischer Kulisse. Einerseits ist die Handlung im viktorianischen Zeitalter verankert, aber andererseits kann man auch aus dem 21. Jahrhundert heraus die Probleme und Motive der Figuren (und auch des Täters) gut verstehen und nachvollziehen. Eigentlich genauso wichtig wie der Fall ist die persönliche Entwicklung der Protagonisten, in die man sich sehr gut einfühlen kann. Sowohl die Polizei als auch die, die auf eigene Faust ermitteln, kommen zwischenzeitlich nur sehr langsam mit der Lösung des Falls voran. Aber gegen Ende gibt es noch eine unvorhergesehene Wendung, sodass die Lösung schlussendlich doch etwas überraschend ist, weil man mit dem Täter nicht unbedingt gerechnet hat.

Über die Autorin

Philea Baker ist das Pseudonym einer deutsch-belgischen Autorin. Sie schreibt seit ihrer Kindheit Kinderbücher, Krimis, Liebesromane, Komödien und Kurzgeschichten. 2014 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Smilla Ericsson das Jugendbuch "Oskar Eisbein – Der siebte Kontinent" und 2015 unter ihrem früheren Namen den Kurzgeschichtenband "Nichts Neues in Wicker". Philea Baker lebt in Wiesbaden.