Von Büchern, Elefantengöttern und Leichen

November 2020 von Robert C. Marley


Als meine Verlegerin mich bat, in einem kurzen Artikel etwas über die Entstehungsgeschichte von Band sieben der Inspector-Swanson-Reihe zu erzählen, sagte ich natürlich sofort ja.

Und dann wurde mir schlagartig klar, dass beinahe alles, was ich dazu zu sagen hätte, eigentlich schon viel zu viel von der Handlung enthüllen würde.

Nun denn, Inspector Swanson und die Bibliothek des Todes spielt in Oxford, soviel sei verraten. Und ich fuhr selbstverständlich hin, um mir den Schauplatz des Verbrechens anzusehen – die Bodleian Library.

Oxford kommt einem wie eine kleinere, ruhigere und saubere Ausgabe Londons vor – sogar einen bezahlbaren Parkplatz findet man, wenn man ein Weilchen sucht. Ich hatte Oxford vor vielen Jahren schon einige Male besucht und kannte bereits die meisten Schauplätze, an denen der Roman spielen sollte – allein der Besuch in der Bodleian, von Studenten und Professoren gleichermaßen liebevoll The Bod genannt, stand noch aus. Fotos des Lesesaals und der einzelnen Abteilungen hatte ich im Laufe der Jahre viele hunderte gesehen; von den Szenen aus den Harry-Potter-Filmen mal ganz abgesehen. Und sogar einen genauen Plan der Bibliothek besaß ich. Jeden Zentimeter kannte ich genau. Nur dort gewesen war ich noch nicht. Ich brannte also förmlich darauf, sie endlich einmal besichtigen zu können. Besonders gespannt war ich darauf, wie es darin wohl riechen mochte – nach altem Zedernholz, Leder und Büchern wahrscheinlich …

Dass wir aufgrund von Terminen, die um unseren Besuch Oxfords herum lagen, nur einen Tag in der Universitätsstadt zur Verfügung hatten, schreckte mich nicht. Im Gegenteil – wir waren nicht in Eile, und so kam ich gerne der Bitte meiner Familie nach, vorher J.R.R. Tolkins Grab zu besuchen, das Haus, in dem er als junger Professor gewohnt hatte, ein zweites, in dessen Arbeitszimmer er den Hobbit geschrieben und jenes in dem er den größten Teil der Herr der Ringe Trilogie verfasst hatte.

Das nahm den größten Teil des Vormittags und auch die Mittagsstunden in Anspruch. Hungrig und schrecklich durstig, da es für England bei knapp 40 Grad mehr als hochsommerlich war, kehrten wir in ein herrliches altes Pub in der Broad Street ein, um uns dort für die Recherche in den heiligen Hallen der Bibliothek zu wappnen. Ich überflog nach dem Essen noch ein letztes Mal meine Notizen, um sicher zu gehen, dass ich dort nichts übersehen würde, und anschließend machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur Bodleian Library.

Können Sie sich denken, was passierte? Genau. Als wir die Bibliothek schließlich erreichten, musste ich feststellen, dass wir den letzten Einlass um genau fünf Minuten verpasst hatten.

Und so habe ich bis heute noch keinen Fuß in die Bodleian gesetzt. Und ich weiß auch noch immer nicht, wie es dort riecht – nun, nach altem Zedernholz, Leder und Büchern wahrscheinlich …

Die Bodleian Library in Oxford ist ein stiller Ort – habe ich mir zumindest sagen lassen. Ein friedlicher Ort. So bekannte Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, Sir Christopher Wren und sogar Sir Isaak Newton und William Shakespeare sollen zu ihren Besuchern gezählt haben. Wer hier an Mord und Totschlag denkt, dem kommt vielleicht Dorothy L. Sayers’ Lord Peter Wimsey in den Sinn, der, seiner Schöpferin zufolge, am nahe gelegenen Balliol College studiert hat. Oder Collin Dexters Krimiserie Inspector Morse.

Verlässt man den Gebäudekomplex, der die Bodleian Library bildet, durch die schmale Gasse, die zur Catte Street führt, gelangt man zur gegenüberliegenden New College Lane. Gleich am Anfang überspannt die beeindruckende Hertford Bridge, die gemeinhin als Seufzerbrücke bezeichnet wird, aber tatsächlich die venezianische Rialtobrücke zum Vorbild hat, die Straße. Links dahinter gelangt man über ein Labyrinth weiterer kleiner Gässchen zu einem zauberhaften, alten Pub, der Turf Tavern.

Noch ehe ich ein Wort des Romans geschrieben hatte, war mir bereits klar, dass diese Taverne darin eine prominente Rolle spielen sollte. Das Pub stammt aus dem 13. Jahrhundert, hat, wie alle Pubs, die einen Besuch wert sind, eine reichhaltige Auswahl an lokalen Ales, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und böte sich sogar als Filmkulisse an. Tatsächlich wurde sie von zahlreichen berühmten Filmschaffenden besucht. Richard Burton trank hier mit Liz Taylor, und auch die Crew der Harry Potter Filme genoss während der Dreharbeiten in der Bodleian an der Bar die Möglichkeiten zur Erfrischung.

Derweil ich mich dort aufhielt, an einem Pint Marmaduke nippte und mir Notizen machte, sah ich Chief Inspector Swanson bereits dort auf einem der abgewetzten Barhocker sitzen und sich mit seinem Sergeant beraten.

Doch wie es im Leben manchmal so kommt – das Pub fand schließlich keinerlei Erwähnung im Buch. Es ergab sich einfach nicht.

In der Tat ist Inspector Swanson und die Bibliothek des Todes der erste Roman der Reihe, in dem nicht ein einziges Mal ein Pub aufgesucht wird. Dafür spielt die altehrwürdige Bibliothek der Universitäten von Oxford eine umso größere Rolle.Für diejenigen, die die Inspector Swanson Reihe bereits länger verfolgen, steht nun der Abschied von einem liebgewonnenen Protagonisten an.

Oscar Wilde wird uns vorerst verlassen. Das schreibt, ich kann es leider nicht ändern, der Lauf der Geschichte vor.

Im Frühjahr 1895 hinterließ der Marquess of Queensberry in Wildes Club, dem Albemarle, seine Visitenkarte für den ihm verhassten Dichter. Darauf hatte er geschrieben: Für Oscar Wilde Posierender Sodomit. Das brachte für Wilde und seinen Geliebten Bosie, dessen Vater der Marquess war, das Fass zum überlaufen. Wilde verklagte Queensberry auf Bosies Drängen hin wegen böswilliger Verleumdung und wurde nach dem Freispruch Queensberrys selbst vor Gericht gestellt. Die Anklage: widernatürliche sexuelle Handlungen mit mehreren jungen Männern. Das Urteil viel harsch aus – zwei Jahre schwere Zwangsarbeit im Gefängnis Reading.

Da Oscar Wilde mich bereits seit Inspector Swansons Abenteuer mit dem Fluch des Hope Diamanten begleitet hatte, war es nur natürlich, auch den Prozess gegen ihn im Roman zu behandeln.

Im Sommer 2019 suchte ich daher noch einmal sämtliche Orte auf, die für den Wilde-Erzählstrang wichtig waren, und las abermals die Prozessakten. Und ich machte einen Glücksfund. In einem Charity Shop fand ich die äußerst selten gewordene Autobiografie Son of Oscar Wilde von Wildes Sohn Vyvyan Holland. Darin wurde die ganze zum Himmel schreiende ungerechte Geschichte aus seiner Sicht beschrieben. Er und sein Bruder Cyril wurden nicht nur von Vater und Mutter getrennt und in verschiedenen Internaten in England, Deutschland und der Schweiz erzogen, sie mussten auch den Namen Wilde ablegen und den Mädchennamen ihrer Mutter annehmen. Ihren Vater sahen sie nie wieder.

Das Material war schließlich dermaßen umfangreich, dass ich äußerst sorgfältig auswählen musste, welche Informationen ich in den Roman einfließen lassen konnte und welche nicht. Immerhin sollte es sich am Ende noch um einen Kriminalroman handeln und nicht um eine Oscar Wilde Biografie.

Und ich entschloss mich dazu, ein wenig in der Doppelmoral der Viktorianer herumzustochern und über die gemeinhin als Kavalliersdelikte betrachteten sexuellen Übergriffe von Männern an Frauen zu schreiben.

Da fällt mir ein, ich kann Ihnen doch noch etwas erzählen.

Während ich das Buch schrieb begann ich, ein Interesse an Mantra Musik zu entwickeln und beschäftigte mich ein wenig mit Yoga. Das lag daran, dass ich stets zur Musik schreibe, und das Album Mantras for Heart’n’Soul von Shankari Susanne Hill quasi der Soundtrack des Romans war. Die Sängerin selbst wurde zu einer der Hauptfiguren des Romans. Darüber hinaus faszinierte mich die dahinter stehende Mythologie. Ich stieß auf Shiva und Parvati, die einen etwas pummeligen aber doch sehr freundlichen Sohn namens Ganesha hatten und der seinem Vater kein bisschen ähnlichsah. Denn Parvati hatte Ganesha in Shivas Abwesenheit geboren und sein Vater hielt ihn bei seiner Rückkehr fälschlicherweise für einen Eindringling. Offenbar war der Junge rasch gewachsen und groß für sein Alter. Wie dem auch sei – Shiva schlug ihm den Kopf ab. Als er jedoch die entsetzten Blicke seiner Frau sah und seinen Fehler bemerkte, setzte er dem Jungen schleunigst einen Elefantenkopf auf, der gerade zur Hand war, und holte Ganesha damit ins Leben zurück. Der Junge hatte dadurch keine nennenswerten Nachteile und entwickelte sich offensichtlich prächtig. Ganesha tanzte gern, war vernascht, behütete seine Familienmitglieder und das Allerwichtigste – er räumte Hindernisse aus dem Weg. Was also lag näher, als mit seiner Hilfe eben jenen unliebsamen Menschen aus dem Weg zu räumen, den ich mir als Mordopfer im vorliegenden Fall auserkoren hatte?

Und viel mehr kann ich Ihnen auch gar nicht erzählen, ohne zu viel zu verraten. Wenn Sie Lust haben, besuchen Sie mich doch einmal auf www.robertcmarley.com oder lesen Sie den Roman zu der Musik, zu der ich ihn schrieb. Hörproben finden Sie unter www.forheartnsoul.com.

Ich freue mich jedenfalls, dass Sie mir eine Weile Ihre Zeit geschenkt haben. Für die Corona-Krise und darüber hinaus wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute. Passen Sie auf sich und Ihre Lieben auf. Tanzen Sie, naschen Sie, lesen Sie ein paar gute Bücher, und möge Ganesha auch Ihnen möglichst viele Hindernisse aus dem Weg räumen und stets gut auf Sie achtgeben.

Herzlichst,

Ihr Robert C. Marley

Über den Autor

Robert C. Marley, geboren 1971, ist Autor, Kriminalhistoriker, Goldschmiedemeister und Mitglied des Syndikats – der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren. Seit seiner Jugend liebt er Sherlock Holmes und Agatha Christie und besitzt ein privates Kriminalmuseum. Der Autor lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in einer sehr alten Stadt in Ostwestfalen.