Von Medien und Morden

April 2021 von Jessica Müller


Das viktorianische Zeitalter steht nicht etwa nur für die rasch fortschreitende Industrialisierung, den sozialen und kulturellen Umbruch und die erblühenden Naturwissenschaften, sondern ist auch, wie Alex Owen es in ihrem Werk über Medien und Okkultismus formuliert, die goldene Ära des Spiritismus. Es gibt kaum etwas, das uns Menschen so sehr in seinen Bann zieht wie die Welt des Übersinnlichen. Die Frage, was nach dem Tod mit unseren unsterblichen Seelen geschieht, ob es denn tatsächlich ein Leben nach dem Tod gibt, und wie dieses denn aussehen könnte, hat schon antike Hochkulturen wie die alten Ägypter beschäftigt.

Während der zweiten Hälfte des ansonsten doch so aufgeklärten 19. Jahrhunderts boomt das Geschäft der Medien, und deren oftmals wohlhabende Klientel reißt sich förmlich darum, an Séancen teilnehmen und mit ihren verstorbenen Liebsten in Kontakt treten zu können. Selbst Kaiserin Sissi wacht nach dem tragischen Freitod ihres Sohnes Rudolf angeblich in der Hoffnung an dessen Grab, noch einmal mit ihm sprechen zu können. Und auch so mancher Wissenschaftler wie beispielsweise der Evolutionstheoretiker Alfred Russel Wallace pflegte einen Hang zur Spiritualität, weshalb er von vielen seiner Kollegen belächelt wird.

Bereits 1848 behaupten die Schwestern Fox, in ihrem Haus in New York mit einem ermordeten Mann kommunizieren zu können, und das amerikanische Medium Maria Hayden bringt 1852 die okkulte Bewegung schließlich nach Europa. Wie auch Madame Blanche in „Tod in der Glaskugel” hält Maria Hayden in London bald schon Séancen für das „Who is Who” der Gesellschaft ab. Ob die Medien des 19. Jahrhunderts nun Schwindlerinnen sind oder nicht, so steht doch fest, dass diese Geisterflüsterinnen schillernde Persönlichkeiten sind, die ihre treue Anhängerschar meisterlich ins Reich des Übersinnlichen entführen können.

Über den Autor

Jessica Müller wurde 1976 in München geboren. Den Bachelor of Arts in den Fächern Germanistik und Geschichte erwarb sie 2016 an der Universität zu Köln. Sie ist die Autorin der Krimi-Reihe um Hauptkommissar Hirschberg und schickt nunmehr auch Charlotte von Winterberg und Inspektor Basil Stockworth im viktorianischen London auf Mörderjagd. Jessica Müller lebt in Bonn, wo sie auf Spaziergängen am Rhein immer wieder auf neue Ideen kommt.