Was ich beim Schreiben von „Ravenhurst“ gelernt habe

Februar 2021 von Sandra Bäumler


Viele Leser fordern bei historischen Romanen unbedingte Authentizität. Bei meinen Recherchen zum 19. Jahrhundert habe ich festgestellt, dass wenn ein Jahrhundert absolut authentisch dargestellt wird, es doch sehr auf den Magen schlagen kann.

Nehmen wir zum Beispiel Londons Straßen. Die müssen unheimlich verdreckt gewesen sein. Ich fand die Übersetzung eines Briefes, in dem die Verfasserin schilderte, was alles an ihren langen Röcken hängengeblieben ist, als sie durch London spazierte.

Ehrlich gesagt, hatte ich mir vorher darüber keine Gedanken gemacht und in Filmen, die in der Zeit spielen, sind die Straßen meist eher sauber. Oder der Zuschauer kann keinen genaueren Blick darauf werfen. Aber wenn man so darüber nachdenkt, sind solch lange Röcke geradezu prädestiniert alles an Unrat mitzuschleppen, was da so herumliegt, vom Zeitungsschnipsel bis zum Mäusekadaver und noch anderes. Beim Schreiben habe ich überlegt, ob ich diesen Brief verwende und mich dann doch dagegen entschieden. Und ich habe da noch so einige Dinge recherchiert, wenn es zum Beispiel um Hygiene ging, von denen ich glaube, dass ich da lieber auch nicht allzu authentisch werden möchte. Denn wenn man ehrlich ist, bleibt man doch lieber, auch als Autor, bei der romantisierten Vorstellung des 19. Jahrhunderts.

Und ich habe gelernt, dass Frauen es auch in gehobenen Kreisen nicht einfach hatten. Sie waren nur hübsches Beiwerk für die Männer. Ihre schulische Ausbildung konzentrierte sich eher auf Fächer wie Musizieren, Malen etc., vielleicht noch Sprachen. Sie erlernten eben alles, um ihre Männer bei Laune halten, einen Haushalt führen zu können und gute Gastgeberinnen zu sein. Häusliche Gewalt war hinter verschlossenen Türen nicht selten. Und wenn sie, wie in meinem Roman, nach dem Tod des für sie sorgenden Mannes mittellos dastanden, konnten sie bestenfalls als Gouvernante oder Gesellschafterin arbeiten. Vielleicht fragt sich der/die eine oder andere Leser/in meines Romans: Warum erträgt die Protagonistin so viel? Warum läuft sie nicht davon? Wir dürfen nicht vergessen: Der Mann hatte über alle Lebensbereiche der Frau die uneingeschränkte Macht. Frauen besaßen kein eigenes Geld. Sie durften nicht einmal ohne Männer verreisen. Da ist es sehr schwer, wegzulaufen.

Einzig Frauen, denen von ihren Männern oder Vätern eine beträchtliche Summe hinterlassen wurde und die nicht mehr heirateten, konnten in dieser Zeit ein unabhängiges Leben führen. Daher war reich verwitwet sein häufig ein Segen.

Das 19. Jahrhundert war für Frauen keine einfache Zeit. Unpraktische Mode und allesbestimmende Männer machten ihnen das Leben schwer. Ich habe versucht, etwas davon in meinem Roman einzufangen. Doch wie schon zu Beginn geschrieben, manches habe ich dann doch weggelassen, denn allzu authentisch kann leicht auf den Magen schlagen.

Über den Autor

Sandra Bäumler erblickte 1971 das Licht der Welt. Schon als Kind erdachte sie sich gerne Geschichten, die sie mit ihren Puppen nachspielte. Doch erst im Erwachsenenalter hat sie damit begonnen, diese Geschichten aufzuschreiben. Sie lebt mit ihrem Mann, Söhnen, Katzen und Fischen in einer kleinen beschaulichen Ortschaft in der Nähe von Nürnberg. Diese mittelalterliche Stadt hat sie auch zu ihrem ersten Roman inspiriert